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Baustaub auf der Muttergottes

Was niemand für möglich hielt: Viele wertvolle Handschriften des Historischen Archivs der Stadt Köln konnten nach dem Einsturz geborgen werden. Helfen Sie mit, ein wertvolles Stundenbuch zu restaurieren!

von Dr. Max Plassmann

Nur das Unglück bleibt vom Neid verschont: „Sola miseria caret invidia“. Diese Devise ist einem Stundenbuch aus der Sammlung Wallraf des Historischen Archivs der Stadt Köln vorangestellt. Der Schreiber aus dem 16. Jahrhundert konnte sich zwar noch nicht vorstellen, in welches Unglück das Stundenbuch am 3. März 2009 verwickelt werden sollte, als es mit dem Historischen Archiv der Stadt Köln in die Tiefe stürzte. Eher mag sich der Spruch auf die kostbare Ausstattung dieser Handschrift bezogen haben, die als Gebet- und Andachtbuch für den persönlichen Gebrauch gedacht war und somit einer individuellen religiösen Sphäre zuzuordnen ist, die aber durch ihren reichhaltigen und damit kostspieligen Buchschmuck auch zum repräsentativen und damit Neid erweckenden Bereich gehört.

Illuminiertes Stundenbuch, Mitte des 16. Jahrhunderts von einem Ritter des Johanniterordens in Auftrag gegeben. Die abgebildete Szene zeigt den knienden Stifter in schwarzer Kutte. Sammlung Wallraf im Historischen Archiv der Stadt Köln
Illuminiertes Stundenbuch, Mitte des 16. Jahrhunderts von einem Ritter des Johanniterordens in Auftrag gegeben. Die abgebildete Szene zeigt den knienden Stifter in schwarzer Kutte. Sammlung Wallraf im Historischen Archiv der Stadt Köln

Das illuminierte Stundenbuch wurde wohl Mitte des 16. Jahrhunderts von einem namentlich nicht bekannten Ritter des Johanniterordens in Auftrag gegeben. Dass es ein Johanniter war, ergibt sich aus dem Stifterbild: Hier ist der kniend betende Auftraggeber zu sehen. Sein Ordensgewand – die einfache schwarze Kutte – wird durch ein Malteser-Kreuz gekennzeichnet, das ihn als Angehörigen dieses Ordens ausweist. Seine demütige Haltung wie auch das einfache Gewand stehen in scharfem Kontrast zum Luxus des Stundenbuchs an sich. Das nicht aufgelöste Spannungsverhältnis zwischen mönchischem Armutsideal und adeligem Repräsentationsbedürfnis wird an dieser Stelle besonders deutlich. Nicht zufällig ist die Gebetsszene mit einem „Ave Maria“ versehen, denn die Muttergottes wurde von den Johannitern als Ordenspatronin besonders verehrt. Der Orden hatte zwar seit dem 16. Jahrhundert seinen Hauptsitz auf Malta, jedoch verfügte er auch über zahlreiche Güter und Niederlassungen in Deutschland, so auch in Köln, wo sich die Johanniter-Kommende St. Johann und Cordula befand. Da die Johanniter aber als europäischer Orden keiner lokalen Verankerung unterlagen, muss der unbekannte Stifter kein Kölner Johanniter gewesen sein. In jedem Fall wird er aber aus einer wohlhabenden adeligen Familie stammen.

Nicht selten erschöpft sich der Buchschmuck in einer opulenten ersten Seite, die dann von schlichter gestalteten gefolgt wird. In diesem Fall ist dem jedoch nicht so. Die Anfangsbuchstaben – Initialen – sowie die zeilenfüllenden Verzierungen jeweils am Ende der einzelnen Gebete sind aufwendig gestaltet, zumindest in Gold auf Rot oder Blau, nicht selten aber auch als vergrößerte Zierinitiale. Kleinformatige Miniaturen sind darüber hinaus über die ganze Handschrift verteilt. Sie zeigen Szenen aus der Weihnachtsgeschichte sowie aus dem Leben Mariens. Die Weihnachtsgeschichte spielt also nicht nur im christlichen Festkalender allgemein, sondern auch in diesem Gebetbuch eine herausgehobene Rolle. Dies ist wohl ebenfalls als Ausdruck der Marienverehrung des Stifters sowie des Johanniterordens zu werten. Dargestellt sind beispielsweise Maria und Josef mit Christuskind, Ochse und Esel im Stall.

Wie verschiedene Nachträge und Notizen im hinteren Teil der Handschrift zeigen, wurde sie in Ehren gehalten und nach dem Tode verschiedener Besitzer aus dem Umkreis des Johanniterordens weitergegeben. Eine Zeit lang wurde das Gebetbuch in Utrecht verwahrt, was unterstreicht, dass die Bestände des Historischen Archivs der Stadt Köln von internationale  Bedeutung sind. Die Handschrift konnte glücklicherweise mit nur geringen mechanischen Schäden geborgen werden, und sie blieb auch von Feuchtigkeit verschont. Der aggressive Baustaub jedoch, der auf jeder Seite haftet, gefährdet die Buchmalereien stark. Um eine Schädigung der Malschichten oder auch Farbveränderungen zu verhindern, ist daher eine baldige gründliche Reinigung durch Restauratoren erforderlich.

Die Kulturstiftung der Länder unterstützt zusammen mit den Lesern von Arsprototo das Historische Archiv bei den Restaurierungsarbeiten. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie die Rettung und Restaurierung der kostbaren mittelalterlichen Handschriften Kölns. In den letzten Ausgaben sind bereits mehrere Handschriften aus der Sammlung Wallraf vorgestellt worden. Helfen Sie mit, die Kölner und gleichzeitig unsere eigene Geschichte zu erhalten.