Aufgaben

Kulturförderung nah am Menschen

Christiane Fricke, stellvertretende Leiterin des Ressorts »Kunstmarkt« im Handelsblatt, über die Entwicklung der unternehmerischen Kulturförderung heute

Christiane Fricke, stellvertretende Leiterin des Ressorts "Kunstmarkt" im Handelsblatt

Peters Sinne stehen auf Empfang, als er sich feierlich und vorsichtig auf dem Sessel der Firma Thonet niederlässt. Der ist schon vor 100 Jahren 14 Millionen Mal verkauft worden, erklärt Museumspädagogin Daniela Stöppel. Nun will sie von der Gruppe wissen: "Ist er härter oder weicher als "MT3", der eirunde Schaukelstuhl aus Plastik?" Sie wollen es ausnahmslos alle wissen – elf erwachsene Behinderte aus München, die am Kunstvermittlungsprogramm "PINK" der Pinakothek der Moderne teilnehmen, und nun einer nach dem anderen auf dem Sessel Platz nehmen. Philip Morris steht hinter "PINK", die deutsche Tochter der amerikanischen Tabakholding Altria. Aber nicht nur als schnöder Geldgeber. Philip Morris ist selber kompetent, kennt die Zielgruppen von "PINK". Seit über sieben Jahren fördert das Unternehmen an seinen drei Standorten in Deutschland soziale Projekte wie etwa in Berlin und Dresden die Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt oder ein Frauenhaus in München. Das macht vermutlich weniger Furore als das publicityträchtige Sponsoring großer Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst, mit dem sich der Name Philip Morris seit drei Jahrzehnten verbindet.

Das preisgekrönte Kunstvermittlungsprogramm "PINK" der Philip Morris GmbH in der Münchner Pinakothek der Moderne

"PINK" siedelt sich damit auf einer Schnittstelle an. Es verbindet die eher stille Sozialarbeit mit der traditionell viel mehr Aufmerksamkeit erregenden Förderung im Reich der Schönen Künste. Eine geniale Idee von vielseitigem Nutzen und hoher Glaubwürdigkeit, die zu Recht ausgezeichnet wurde. Vor wenigen Wochen erhielt Philip Morris für das von ihm initiierte, finanzierte und entwickelte "PINK"-Programm den vom Handelsblatt, der Süddeutschen Zeitung und dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. ausgelobten "Deutschen Kulturförderpreis 2007" (Kategorie »Große Unternehmen«). "PINK" hat inzwischen Modellcharakter, ist aber – von seiner sozialen Stoßrichtung her – kein Einzelfall. Eine ganze Reihe von Unternehmen hat die Arbeit mit den viel schwieriger erreichbaren Zielgruppen im Blick und reagiert damit auf Bildungsdefizite, die den Standort Deutschland bereits jetzt teuer zu stehen kommen. Die ebenfalls ausgezeichnete GASAG, Berliner Gaswerke AG (Kategorie "Mittlere Unternehmen") mit ihrer 2003 ins Leben gerufenen Bühnen-Kunstschule für Jugendliche, "Academy", ist ein Beispiel, das vergleichbar konzeptionsstark und mit langer Perspektive angelegt ist. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft arbeiten hier gemeinsam an einem Bühnenstück, und das erfordert Teamarbeit, Kreativität und Disziplin.

Im Rahmen des Programms "Meet the Artist" des Essener Folkwang-Museums treffen Jugendliche den ungarischen Künstler Tamás Kaszás.

Die Vermittlungsarbeit für Jugendliche ist auch für das renommierte Museum Folkwang in Essen ein zentrales Anliegen geworden. Von dem seit Anfang 2006 amtierenden Museumsdirektor Hartwig Fischer stammt die Idee, im Rahmen der Kooperation mit dem Versorger RWE die Angebote insbesondere für Migrantenkinder auszubauen. Das passt wiederum in die Fördertradition der RWE mit ihrem Engagement speziell für soziale Projekte und Einrichtungen. Fischers Vorhaben zielt vor allem auf die Sprachfähigkeit der Kinder, ein Thema, das noch eine ganze Reihe weiterer Unternehmen im Blick hat: Gruner+Jahr etwa mit seinem Projekt "Buchstart Hamburg" oder auch die 2006 ins Leben gerufene Stiftungsinitiative "Lesen(d) Lernen" der Stadtsparkasse Oberhausen. Die Dr.-Hanns-Simon-Stiftung der Bitburger Braugruppe wiederum investiert mit dem Kulturzentrum Haus Beda und einem erst jüngst errichteten Bibliotheksneubau hohe Summen in die öffentliche Bildungsinfrastruktur.

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Entwicklung öffentlicher Zuwendungen. Um 220 Millionen Euro jährlich verringern sich derzeit die Investitionen des Staates in die Kultur. Das entspricht nach Berechnungen des Arbeitskreises Kulturstatistik dem Zuschussbedarf von etwa 220 Stadtbibliotheken. Ein Erschrecken ist angebracht. Noch ist der Kulturstandort Deutschland mit seinem unschlagbar reichen und vielfältigen Angebot »eines der wenigen Segmente, um das uns die Welt beneidet«, sagt Stephan Frucht, Geschäftsführer des Kulturkreises. Immerhin rund 90 Prozent aller Kulturausgaben (rund acht Milliarden Euro) stemmt hierzulande noch die öffentliche Hand, eine Quote, um die es sich lohnt zu kämpfen. Denn die für Deutschland so charakteristische Vielfalt und die damit einhergehende Ausgewogenheit ist eben in erster Linie das Ergebnis einer nicht von privaten Interessen geleiteten, föderal aufgestellten und unabhängigen Kulturarbeit. Die private Förderung kann demgegenüber nur eine Ergänzung sein, und sie versteht sich auch so. Auf rund 600 Millionen Euro summieren sich grob geschätzt die von privater Hand geleisteten Investitionen in die Kultur. Der größte Teil hiervon ist als Sponsoringmaßnahme (400 Millionen Euro) angelegt – mit steigender Tendenz; etwa 50 Millionen flossen als Spende und rund 150 Millionen Euro über Stiftungen.

Wer schließlich die für den Kulturförderpreis eingereichten und von der Jury empfohlenen Beiträge gesichtet hat, kommt – trotz der Einschränkungen, die eine solcherart zu Stande gekommene Auslese mit sich bringt – zu dem Schluss, dass die Unternehmen in Deutschland ihre Projekte gegenwärtig verstärkt am Puls der aktuell diskutierten Bildungs- und Wohlstandsdefizite entwickeln. Es gibt daneben aber nach wie vor das klassische Sponsoring einer Ausstellung, es gibt die Unternehmen, die profilierte Sammlungen aufbauen und diese auch der Öffentlichkeit zugänglich machen, die Künstler und Museen unterstützen, Konzerte, Festivals und Ankäufe ermöglichen oder die Restaurierung gefährdeten Kunstgutes. Es sind sehr viele kleine Unternehmen darunter, die nicht selten auch die Kooperation mit einem gemeinnützigen Kulturträger suchen und auf diese Weise eine Förderung mit längerer zeitlicher Perspektive auf den Weg bringen. Die Stadtsparkasse Magdeburg etwa initiierte 2001 mit der Telemann-Gesellschaft e.V. den Internationalen Telemann-Wettbewerb, und die Immobilienfirma Ernst G. Hachmann GmbH in Berlin unterstützt seit 2003 den "Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V.".

"Meet the Artist". Jugendliche treffen im Folkwang Museum Essen den englischen Künstler Simon Starling und lernen dessen Arbeiten kennen.

Mittelständische und größere Unternehmen sind es vor allem, die konzeptionsstarke, das Risiko nicht scheuende Projekte selber entwickeln und dafür kompetente Fachkräfte engagieren. Dazu gehört etwa das hoch dotierte Stipendien- und Ausstellungsprogramm für junge, noch nicht am Markt etablierte Bildende Künstler, das die Columbus Art Foundation vor elf Jahren begründete. Ähnliches gilt für den international tätigen Hersteller von Design-Armaturen Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG, der sich mit Programmreihen experimenteller Kunst profiliert. Im weiter gesteckten Rahmen bewegt sich das 1987 begründete "Siemens Arts Program", das sich die Entwicklung zeitgenössischer und experimenteller Kunstformen ins Stammbuch geschrieben hat und dafür mit externen Institutionen in ganz Deutschland kooperiert. Deutlich geringere Risiken gehen demgegenüber Großunternehmen wie die Telekom oder E.ON Ruhrgas ein, die sich auf das Sponsoring von "Blockbustern" in renommierten Museen spezialisiert haben. Auch diese, finanztechnisch meist kostendeckend angelegten »Events« haben ihren Platz in der privaten Kulturförderung. Doch punkten diese Veranstaltungen vor allem mit hoher Reichweite. Ob sie immer neue Horizonte eröffnen, ist eine der Fragen, die diese Art des Engagements aufwirft. Die Sicherung und Verbesserung der Lebensqualität am Standort des Unternehmens ist letztlich die zentrale Antriebsfeder allen privaten Engagements, ob es als steuerlich abzugfähiges Sponsoring, als mäzenatisches Engagement, als Spende oder mit Stiftungskapital geleistet wird. Neu ist das aber nicht. Man denke nur an eines der ältesten und wirkungsvollsten Beispiele: die inzwischen 100 Jahre alte, regional verankerte und mäzenatisch begriffene Kulturarbeit des Chemiekonzerns Bayer, ohne die eine Stadt wie Leverkusen im übrigen ziemlich alt aussehen würde. Oder man erinnere sich an die 80er-Jahre, in denen die fördernde Wirtschaft sich mehr für die soziale Relevanz ihrer Kulturförderung zu interessieren begann. Damals waren es die Gastarbeiter, die den Anstoß gaben; heute sind es vor allem Migranten und mangelhaft gebildete junge Menschen.
Bleibt am Ende das Fazit: Die soziokulturell begründete, auf Vermittlung abhebende Kulturförderung mag zwar gegenwärtig stark ausgebaut werden. Doch wenn zur gleichen Zeit die klassische Kulturförderung nicht stattfände, dann gäbe es am Ende auch nichts mehr zu vermitteln.