Aufgaben

Erbe verpflichtet

Ernst Elitz, Intendant von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur sowie Vorsitzender des Kunstbeirats der Landesregierung Baden-Württemberg, wünscht sich ein stärkeres kollektives Verantwortungsgefühl für die Bewahrung unseres kulturellen Erbes

Ernst Elitz, Intendant von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur und Vorsitzender des Kunstbeirats der Landesregierung Baden-Württemberg

Glücklich das Land, in dem Regierende und Fürstengeschlechter unter höchster öffentlicher Aufmerksamkeit darüber streiten, wem Gemälde, Bücher und Handschriften von unschätzbarem Wert gehören: dem Schlossherrn oder dem Volk. Baden-Württemberg machte bei seinen Auseinandersetzungen mit dem Markgrafen von Baden und dem Fürstenhaus Waldburg-Wolfegg um Türkenbeute, Alte Meister, Bilder von Hans Baldung Grien und das Hausbuch aus dem 15. Jahrhundert Schlagzeilen in der nationalen Presse – eben nicht weil es zu wenig, sondern weil es eine so reiche Vielfalt kulturellen Erbes in seinen Grenzen beherbergt. Auch andere deutsche Regionen sind kunstgesättigt. Die nationale Zersplitterung, die Deutschland über Jahrhunderte politisch und ökonomisch hemmte, hat es künstlerisch stark gemacht.

Anders als Frankreich, das von der Ile de France aus wuchs, oder als England, in dem alle Macht von London ausgeht, war Deutschland ein Land, in dem sich politische und kulturelle Entwicklungen parallel wie in historischer Abfolge in allen Regionen des Landes vollzogen. Das Zentrum des Reiches verschob sich ständig. Zur Zeit der Ottonen lag es am Rande des Harzes bei Magdeburg und Quedlinburg. Mit den Saliern verlagerte es sich in die Gegend von Mainz und Speyer, mit den Staufern gewannen das Elsaß und das heutige Württemberg mehr Gewicht, mit den Habsburgern bewegten sich Kern und Strahlkraft des Reiches weiter nach Süden, bevor das Zentrum mit den Hohenzollern wieder nordwärts zog. Jedes Herrschergeschlecht setzte andere regionale Akzente. Das Reich hatte über Jahrhunderte keine Hauptstadt, aber viele Residenzen.

Der kulturelle Glanz der Regionen

Meister Gerlachus, Die Berufung des Moses: Das Stabwunder (Moses vor dem brennenden Dornbusch) aus der ehem. Abteikirche der Prämonstratenser St. Maria und Nikolaus, Arnstein an der Lahn, Mittelrhein, um 1150/60, Förderung für das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster. Foto: Corpus Vitrearum Medii Aevi, Freiburg

So konnte Urbanität sich in allen Regionen entwickeln. Nicht nur in Wien, in München, in Prag, auch in Köln, in den Hansestädten, in Detmold, in Bückeburg, in Greiz und in Weimar entfaltete sich kulturelles Leben. Und wie einst die Kaiser des Mittelalters ohne festen Wohnsitz ihre Herrschaft ambulant ausübten und überall ihre Königsgastung genossen, so zogen Dichter, Philosophen und Musiker noch im 19. Jahrhundert von Stadt zu Stadt und von Hof zu Hof. In Deutschland kamen die Impulse für das geistige und politische Leben aus den Regionen und nicht aus dem Zentrum.

Diese Stimmung wirkt fort. Überall im Land fördern Sammler moderne Kunst und bauen Museen. In Emden wird man ebenso davon überrascht wie in Baden-Baden, Ulm und Künzelsau. Während sich in Berlin die Museumsinsel mit ihren Sammlungen prachtvoll entfaltet, wird jeder Ministerpräsident darauf achten, dass der kulturelle Glanz seiner Regionen nicht gegenüber der Hauptstadt verblasst. In dieser Konkurrenz zwischen der Hauptstadt und den Ländern kann Deutschland nur gewinnen. Und dennoch birgt die regionale Vielfalt des kulturellen Erbes und der künstlerischen Initiativen einen Nachteil für den kulturellen Gesamtauftritt Deutschlands in der globalisierten Welt. Deutschland ist nicht nur das Land der Ideen, es ist auch ein Land voll von Kunst, „plenty of arts“ – bis in den letzten Winkel der Nation. Aber eine verbindliche Adresse für die Künste hat Deutschland nicht. In Frankreich ist es der Louvre; MoMA und das Metropolitan stehen für die USA, die Londoner Museen für Großbritannien.

Kluger Einsicht folgend, haben sich in Deutschland die Bayerische Staatsgemäldesammlung, die Staatlichen Museen zu Berlin und die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden zum gemeinsamen Handeln entschlossen. Ihre Direktoren reisten wie die drei Könige aus dem Abendland nach China, um das Terrain für einen deutschen Dauerauftritt im Neuen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens zu sondieren, und sie folgten dem Stern des Louvre, der zur Zeit über Abu Dhabi leuchtet. Kunst ist ein Botschafter in der globalisierten Welt, Kunst ist Teil der public diplomacy einer Nation.

Kunst war schon immer grenzüberschreitend. Und jede kulturelle Identität verändert sich mit neuer Welterfahrung. Gerade die globalisierte Welt macht uns um viele Erfahrungen reicher. Die Globalisierung der Künste ist keine Bedrohung für die klassischen europäischen Kulturnationen, sondern eine Bereicherung ihrer nationalen Kultur-Identität. Die kulturelle Globalisierung schafft Gerechtigkeit. Früher haben die Europäer bei ihren Eroberungszügen den Völkern auf anderen Kontinenten Dokumente ihrer kulturellen Erinnerung abgepresst. Heute machen sie keine Beute mehr. Die Globalisierung hat den Austausch friedlich geregelt.

Kultureller Wettbewerb zwischen den Nationen

Abbildung einer Aprikosensorte mit Angabe der Reifezeit. Einer von 249 handkolorierten Kupferstichen aus einem der schönsten Werke über den Obstbau, der »Pomona Franconica« des Würzburger Hofgärtners Johann Prokop Mayer, die in nur 110 Exemplaren gedruckt wurde.

Globaler Kulturaustausch macht deutlich, dass der Westen auch anderes zu bieten hat als die kopierte Warenwelt von Starbucks, McDonalds und Coca-Cola. Wer den Pfaden der Globalisierung folgt, trifft auf Traditionen, die er nicht für möglich gehalten hat. Auch im Abu Dhabi-TV läuft eine Superstar-Casting-Show, nur treten da keine mehr oder weniger talentierten Nachwuchssänger auf, sondern junge Poeten, die sich in einem Wettstreit darin messen, wer nach klassischen Regeln die schönsten Beduinen-Gedichte schreiben und vortragen kann. So viel zur Kultur im Wüstenstaat Abu Dhabi und den Abirrungen in unseren Breiten.

Wie zwischen den deutschen Regionen ist in der globalen Welt ein kultureller Wettbewerb der Nationen entbrannt. Wettbewerb weckt auf. Er weckt kreative Kräfte. Museumsdirektoren und Archivare müssen lernen, Ereignisse zu schaffen und Aufmerksamkeit zu erregen. Die Kunst muss heraus aus den Depots und den Archiven. Nur wenn kulturelles Erbe wie die Nibelungenhandschrift, die wunderbare Gartenbibliothek des Hauses Hannover oder die mittelalterliche Glasgemäldesammlung des Freiherrn vom Stein aus staatlichen und privaten Verstecken entlassen und für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden, kann der Bürger sich staunend und stolz mit den Leistungen vergangener Jahrhunderte identifizieren – als Teil einer nationalen „Erinnerungsgemeinschaft“ (Ernest Renan), die auch um den gemeinschaftsstiftenden Wert ihrer Kunstwerke weiß.

So alt ein Kunstwerk auch sein mag, es wird im „Hier und Jetzt“ (Walter Benjamin) durch den Betrachter zum Leben erweckt. Im Hier und Jetzt entscheidet sich auch, welche kulturellen Überlieferungen wir für die Zukunft schaffen und womit wir künftig die Kultur anderer Nationen bereichern und überraschen wollen. Deshalb müssen Kulturschätze gesichert, Künstler gefördert, der Ankauf von Werken staatlich finanziert und privat gefördert werden. Inszenierungen und Ausstellungen müssen entstehen, die als Zeugnisse unseres kulturellen Schaffens auf Reisen gehen, denn gerade im Zeitalter der globalen Mobilität braucht die Kunst ihren festen Anker vor Ort.