Aufgaben
„Der Föderalismus in seiner schönsten Gestalt“
Generalsekretärin Isabel Pfeiffer-Poensgen über 20 Jahre Kulturstiftung der Länder

- Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder
„Wer sich ein Bild machen möchte von Deutschland als Kulturraum, der gehe in eine gut sortierte Bibliothek und lege vor sich die über 300 Bände der Schriftenreihe PATRIMONIA“, hat Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Berliner Staatsbibliothek, vor wenigen Wochen über die Publikationen der Kulturstiftung der Länder bemerkt, in denen diese ihre wichtigsten Förderungen ediert. „Wer sich einmal die Zeit genommen hat, das Patrimonium der Deutschen aufscheinen zu lassen in zwanzig Jahren PATRIMONIA-Katalogen, der weiß um die kulturelle Weltgeltung Deutschlands und zugleich um die enormen Verdienste der Länder und der Kulturstiftung der Länder.“
Und in der Tat. Zwanzig Jahre nach der Gründung unserer Stiftung haben die sechzehn deutschen Länder allen Grund, voll Stolz auf die Geschichte und Geschicke ihrer „Kulturstiftung der Länder“ zurückzublicken. Eine Stiftung, die anspornt und ermutigt, die finanziert, verbindet und berät, die mit Einsatz, Mitteln und Ideen Museen, Archive und Bibliotheken bei der Sicherung von Kunst und Kultur von nationaler Bedeutung unterstützt – kurzum, wie Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung schrieb: „Der Föderalismus in seiner schönsten Gestalt“.
Eine Stiftung zur Bewahrung der nationalen Kunstschätze
Die Idee einer nationalen Kulturstiftung findet sich schon in der Regierungserklärung von Willy Brandt. Doch spätestens seit die Initiative von Hermann Josef Abs im Jahre 1978 zahlreiche bedeutende Kunstwerke aus der Sammlung des jüdischen Kaufmanns Baron von Hirsch, der 1933 nach Basel emigriert war, vor der Versteigerung in alle Welt für Deutschland rettete und 1983 schließlich auch das Evangeliar Heinrichs des Löwen nur durch eine konzertierte Aktion von Bund und Ländern auf einer Auktion in London erworben werden konnte, verdeutlichte dies die dringende Notwendigkeit, eine Stiftung zur Bewahrung unserer nationalen Kunstschätze zu gründen. Neun Jahre später riefen die damals elf Länder der Bundesrepublik Deutschland die Kulturstiftung der Länder ins Leben; zum 1. April 1988 nahm sie am Berliner Kurfürstendamm ihre Arbeit auf.
Gleich eine ihrer ersten Unternehmungen sollte unsere Stiftung in das Zentrum der Ereignisse katapultieren: In den Kriegswirren 1942 vorsichtshalber ausgelagert, waren unschätzbar wertvolle Teile des Quedlinburger Domschatzes nach 1945 spurlos verschwunden geblieben. Mehr als vierzig Jahre später führte eine heiße Spur zum Nachlass des amerikanischen Oberleutnants Joe Meador, der den Schatz nach Kriegsende per Feldpost nach Hause geschickt und schließlich behalten hatte. Ethische und rechtliche Fragen konkurrierten auf internationalem Parkett miteinander, die Situation wurde dramatisch, doch schließlich sollte es mit Hilfe der Kulturstiftung gelingen, Quedlinburg seinen Kirchenschatz zurückzugeben. Denn selbst zu Zeiten des geteilten Deutschlands war von Beginn an klar: Der Schatz gehörte an seinen Herkunftsort – sicher einer von vielen Gründen, warum 1991 auch die damals neuen Länder der Kulturstiftung beitraten, die damit eine gesamtdeutsche Institution geworden ist.

- Adolph von Menzel, Die Bittschrift, 1849, Förderung im Jahr 2007 für die Alte Nationalgalerie, Berlin
Die schönsten und kostbarsten Zeugnisse des kulturellen Erbes
Weit über 150 Millionen Euro haben die Länder in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten über die Kulturstiftung in den Erwerb der wichtigsten, schönsten und kostbarsten Zeugnisse unseres kulturellen Erbes investiert: von Inkunabeln des Mittelalters wie der ältesten Handschrift des Nibelungenliedes oder Tilman Riemenschneiders „Heiliger Anna“ über Glanzlichter barocker Malerei wie Peter Paul Rubens’ „Pan und Syrinx“ und der Möbelkunst wie dem Schreibtisch Friedrichs des Großen bis hin zu Spitzenstücken der Kostümgeschichte in der Mode-Sammlung Kamer/Ruf und Schlüsselwerken der Moderne und der Zeitgenossen wie Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ oder Gerhard Richters „Silikat“.
Heute ist die Kulturstiftung der Länder zu einer deutschlandweiten Instanz geworden. Die Kunsthistoriker in unserem Haus haben den Kunstmarkt im Blick; sie bewerten und begutachten die Werke und holen das Wissen der maßgeblichen Experten ein, mit denen wir seit unserer Gründung eng zusammenarbeiten, ein wertvolles Netzwerk guter Verbindungen. Wenn die Stiftung dann eine Förderung beschließt, ist sicher, dass ein Werk, seine Authentizität, seine Bedeutung – auch für die jeweilige Sammlung –, seine Provenienz und sein Preis verantwortungsbewusst geprüft worden sind: Ein Signal auch an andere Stifter, denn nie finanziert die Kulturstiftung der Länder einen Erwerb allein. Aber wie oft ist es doch gelungen, nach grünem Licht durch die Kulturstiftung der Länder weitere Förderer zu gewinnen!
Netzwerk von Stiftungen, Unternehmen und Mäzenen
Auf diese Weise, indem wir Museen und Mäzene zusammenbringen, bündeln wir Kräfte für Kunst und Kultur. Seit vielen Jahren hat die Kulturstiftung vertraute Partner – Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen –, die uns und den jeweiligen Häusern beistehen. Und diese Partner wissen, dass sie sich auf unsere Arbeit verlassen können. Jeder Euro, den die Länder ihrer Kulturstiftung überantwortet haben, hat sich dadurch vervierfacht: Rund 600 Millionen Euro waren die Kunstwerke wert, die wir bislang zu erwerben geholfen haben. Und dies, wohlgemerkt, zum Zeitpunkt ihres Ankaufs. Unvorstellbar, welchen Wert diese Objekte auf dem derzeitigen Kunstmarkt hätten. Und vieles wäre heute nicht mehr zu bekommen.
Die Besonderheit, die uns die Länder bei der Gründung der Kulturstiftung mitgegeben haben, ist unsere Unabhängigkeit. Kurze Wege, wenig Bürokratie, sind die Grundlagen unserer Effizienz. Denn wie rasch muss eine Entscheidung oft gefällt werden, wenn ein herausragendes Kunstwerk zur Auktion ansteht! Wie schnell muss oft gehandelt werden, wenn es gilt, ein wichtiges Bild vor dem Verkauf ins Ausland zu bewahren!
Zwar wären die Museen gut beraten, den Auktionsmarkt zu beobachten – manches Werk ließe sich zu einem weitaus günstigeren Preis als später dann im Handel erwerben –, gleichwohl scheuen viele Häuser den Gang in die Auktion nicht ohne Grund: Kaum ein Museum verfügt heute noch über einen belastbaren Ankaufsetat. So müssen die erforderlichen Mittel bei der öffentlichen Hand, bei Stiftungen und privaten Mäzenen erst gesammelt werden, was Kontakte, Expertise und vor allem Zeit benötigt, die vor Auktionen nicht vorhanden ist. Hinzukommt, dass mögliche Förderer für gewöhnlich sichere Aussagen über die zu erwartenden Kosten erwarten. Spielräume, wie sie im Auktionsgeschehen unabdingbar sind, bleiben nicht. Überdies ist Diskretion vor dem Erwerb oberstes Gebot, schwer durchzuhalten, wenn man sich im ganzen Land auf Geldsuche begibt.
Und gerade hier hilft die Kulturstiftung der Länder: Immer wieder gelingt es uns – notfalls binnen Tagen vor den Auktionen – die nötigen Mittel aufzubringen und damit zentrale Kunstwerke oder Autographen für deutsche Museen und Bibliotheken zu bewahren. Adolph Menzels berühmte „Bittschrift“ für die Berliner Alte Nationalgalerie, Felix Nussbaums „Mann mit Blume“ für Osnabrück oder Theodor Fontanes lange verschollenen Briefe an seinen Sohn Theodor für Berlin und Potsdam sind die wichtigsten Beispiele nur aus der jüngsten Zeit.
Provenienzrecherche und Restitutionen

- Theodor Fontane, Brief an seinen Sohn Theodor vom 29. August 1898
Kunsterwerb muss aber oft auch mehr sein: die Aufarbeitung von Geschichte, ein zentrales Anliegen der Kulturstiftung der Länder. Was steht nicht alles hinter der Besitzgeschichte eines Kunstwerks? Und was ist unserem Land nicht alles abhanden gekommen an Kunst, an Kultur und all dem, was sich darin an Geist und Gesellschaft, Anspruch und Auffassung spiegelt? Denn Deutschland war das Land, das lange schon vor seinen Nachbarn die Moderne ins Museum brachte. Während sich die beinah vierzig öffentlichen Sammlungen für zeitgenössische Kunst mit „Brücke“-Malern füllten, während der weltweit erste museal erworbene Manet nach Berlin und der erste van Gogh nach Hagen kam, gab es in Frankreich, in Italien oder England gerade mal ein einziges staatliches Museum für moderne Kunst.
Nie wieder hat sich Deutschland, haben sich seine Museen vom Dritten Reich erholt. Nicht von den Zwangsverkäufen aus jüdischen Sammlungen, nicht von dem Bildersturm „Entartete Kunst“. Weil wir so unermesslich reich waren, konnten wir so kapital verarmen.
Glückliche Lösungen von Restitutionsfällen oder Rückführungen von in der Welt verstreuten Werken – Sternstunden sind es für die Kulturstiftung der Länder immer, wenn es uns gelingt, die ein oder andere Lücke in den Sammlungen deutscher Museen zu füllen und damit wenigstens kleine Wunden der Vergangenheit zu heilen. Und zahlreiche Meisterwerke des deutschen Expressionismus sind mit unserer Hilfe für Deutschland zurückerworben worden, zuletzt Lyonel Feiningers imposante Kirchendarstellung „Gelmeroda XI“ für Weimar und Ernst Ludwig Kirchners anrührender „Knabe mit Vogel“ für das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg. Dessen amerikanische Besitzerin, von deren Vater das 1937 aus dem Museum entfernte Bild rechtmäßig ersteigert worden war, hatte die Rückkehr in das Oldenburger Museum ausdrücklich gewünscht und damit den Erwerb überhaupt erst möglich gemacht.
Aber nicht nur in der Zeit des Dritten Reiches wurde Menschen Kulturgut unrechtmäßig entzogen, und so steht seit dem Fall der Mauer die Kulturstiftung der Länder auch vor einer weiteren Aufgabe. Das „Gesetz über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage“ von 1995 hat eine Flut von Rückgabeansprüchen nach sich gezogen; mit Recht verlangten viele nach 1945 in Ostdeutschland enteignete Familien ihren Kunstbesitz zurück. Doch gleichzeitig waren viele dieser Gemälde, Möbel und Skulpturen längst zum integralen Bestandteil öffentlicher Museen geworden, die sie über Jahrzehnte bewahrt und gepflegt hatten.
Ganze Säle hätten sich in Weimar, Leipzig oder Dresden geleert, wenn die Kulturstiftung der Länder nicht bei der gütlichen Lösung vieler Restitutionsfälle geholfen hätte. Eine sensible Aufgabe, gilt es doch, den von persönlichen Schicksalen begleiteten Rechtsanspruch der Erben mit dem Bewusstsein für die deutsche Nachkriegsgeschichte zu einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl zusammenzubringen. Oft ist dies gelungen; zuletzt mit acht Gemälden der herzoglichen Familie Anhalt, die nun auf Dauer in der Anhaltischen Gemäldegalerie in Dessau verbleiben können und dort auf anschauliche Weise vom Wirken der Anhaltiner künden – darunter das wunderschöne Tischbein-Gemälde „Christiane Amalie von Anhalt-Dessau mit ihren Kindern“, gleichsam eine Inkunabel der Empfindsamkeit, die ihren Schöpfer auf einer Höhe mit den großen englischen Malern seiner Epoche zeigt.

- Johann Friedrich August Tischbein, Christiane Amalie von Anhalt-Dessau mit ihren Kindern, 1797
Und schließlich haben auch viele Bürger der DDR in den Wirren der deutschen Teilung ihr Hab und Gut verloren, das heute zum Gegenstand von Restitutionen geworden ist. Auch hier konnte die Kulturstiftung der Länder vielen Museen beim Erwerb von Kunstwerken helfen. Ein besonders schönes Beispiel ist Max Liebermanns „Selbstbildnis mit Strohhut“, dessen Besitzer es in den frühen fünfziger Jahren in Folge eines juristischen Willküraktes an die Gemäldegalerie Neue Meister in Dresden verloren hatte und dessen Erben es nach der Wende dann zurückerhielten und zum Kauf anboten. So konnten wir das Bild für jenes Haus bewahren, in dem es immerhin ein halbes Jahrhundert lang gehangen hatte.
Auf eindrückliche Weise haben die Schicksale dieser Kunstwerke aufgezeigt, wie wichtig Provenienzforschung in deutschen Museen ist. Kaum begreiflich scheint es heute, warum es über fünfzig Jahre dauern musste, bis die Herkunft vieler Objekte hinterfragt werden sollte. Und noch immer kann nur eine Handvoll deutscher Museen auf Mitarbeiter eigens für diesen Bereich zurückgreifen. Während die ehemaligen Eigentümer und deren Erben, wohnhaft in aller Welt, immer weniger werden, bleiben die Archive undurchforstet, weil kein Geld für diese aufwendige Arbeit vorhanden ist. Die Kulturstiftung der Länder und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, haben aus diesem Grund gemeinsam die „Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung“ ins Leben gerufen. Museen, Bibliotheken und Archive erhalten hier – unter dem Dach des Institutes für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin – die nötigen Mittel, um sowohl einzelne Rechercheprojekte als auch die systematische Erforschung ihrer Sammlungsbestände voranzutreiben. Zudem hilft die Arbeitsstelle, die Provenienzforschung in Deutschland besser zu vernetzen und berät bei Koordinierungs- sowie fachübergreifenden Fragen.
Deutsch-Russischer Museumsdialog
Nicht nur in Deutschland aber wurde in der Zeit des Dritten Reiches Kunst geraubt, sondern auch aus Deutschland – eine weitere, wichtige Aufgabe für die Kulturstiftung der Länder. Denn noch immer schlummern in russischen Depots die Schätze deutscher Museen in unbekannter Zahl. Doch nach und nach öffnen sich dort die Magazine; staunend und oft tief bewegt stehen deutsche Museumsdirektoren vor den Werken, die einstmals Höhepunkte ihrer Sammlungen waren. Nachdem wir bereits viele deutsche Häuser bei der Erfassung und Dokumentation ihrer Kriegsverluste unterstützen konnten, haben alle in dieser Hinsicht betroffenen deutschen Museen im November 2005 gemeinsam die Initiative „Deutsch-Russischer Museumsdialog“ ins Leben gerufen, für welche die Kulturstiftung der Länder die Geschäftsführung übernommen hat.
Während ab diesem Herbst viele deutsche Museen den fünfzigsten Jahrestag der Rückgabe von in die Sowjetunion verbrachten Kunstwerken mit Ausstellungen und Veranstaltungen begehen, sollen bald auch gemeinsame Ausstellungsprojekte, Stipendien für Nachwuchskräfte und andere Kontakte und Kooperationen auf wissenschaftlicher Ebene die deutschen und russischen Museumskollegen einander näherbringen und neues Vertrauen schaffen – unabhängig von der ungelösten Frage der Rückführung von „kriegsbedingt verlagertem Kulturgut“. Zugleich aber wollen und müssen wir den Informationsstand über das nach Russland verbrachte Kulturgut verbessern und zu diesem Zweck vor allem neues, bislang unbearbeitetes Archiv-material in Deutschland wie Russland systematisch erfassen und auswerten. Nur Transparenz kann Grundlage eines offenen Dialoges sein und damit eine Weiche in die Zukunft.
Nicht zuletzt der Zustand mancher nach Russland verbrachter Kunstwerke in den dortigen Depots ist beunruhigend, und alle diese Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alten Zeugnisse des Menschheitserbes müssen jenseits der Frage nach der Rückgabe an ihre rechtmäßigen Eigentümer dringend vor dem Verfall bewahrt werden. Denn ihr Verlust ist unwiederbringlich, nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Kulturgeschichte von Völkern weltweit.
KUR – Programm zur Restaurierung und Konservierung mobilen Kulturguts
Aber auch die Erhaltung des Kulturgutes in deutschen Museen, Bibliotheken und Archiven ist ein Thema, das aufzuschieben unabsehbare Folgen hätte. Denn auch in unserem Land sind Zeugnisse der Geschichte in Gefahr, für immer verlorenzugehen. Ob mittelalterliches Pergament oder modernes Zelluloid – zahlreichen Sammlungen fehlen sowohl die Mittel als auch die Kenntnisse, um ihre vom Verfall bedrohten Kulturgüter dauerhaft sichern und präsentieren zu können, denke man allein an die immensen Schäden, die etwa der Tintenfraß in deutschen Bibliotheken angerichtet hat!
Gemeinsam haben die Kulturstiftung der Länder und die Kulturstiftung des Bundes darum die nationale Restaurierungsinitiative KUR, ein Programm zur Restaurierung und Konservierung von mobilem Kulturgut, ins Leben gerufen, das betroffene Häuser bei Restaurierungsvorhaben unterstützt. Ziel der Initiative ist zudem die Entwicklung modellhafter Projekte in den verschiedenen Sparten der Erhaltung unseres kulturellen Erbes, um so die Wirkungen und Erkenntnisse des Programms über seine Laufzeit von fünf Jahren hinaus zu erhalten.
Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder
Die Restaurierung von Kunstwerken, insbesondere in Ostdeutschland, hat sich auch der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder zur Aufgabe gemacht, der 1999 gegründet wurde. Rund 150 engagierte Persönlichkeiten haben sich in diesem Verein zusammengeschlossen, um die Ziele der ersten länderübergreifenden Kulturstiftung zu fördern und ihr Fundament in der Gesellschaft weiter zu stärken – im Wissen darum, dass die Bewahrung des nationalen Kulturerbes nicht ausschließlich Aufgabe der öffentlichen Hand sein kann. So ist der Freundeskreis ein ebenso wichtiger wie verlässlicher Partner unserer Stiftung geworden, der aus unserer Tätigkeit nicht mehr wegzudenken ist.
Städte und Regionen schaffen sich durch die Restaurierung – ja gleichsam Wiedergewinnung – ihrer kulturellen Schätze neue Anziehungspunkte, die für die Identität, aber auch die touristische Attraktivität dieser an Kunst und Geschichte oft so überreichen Landschaften von großer Bedeutung sind. Erst kürzlich konnte das Museum für angewandte Kunst in Gera ein Ensemble von Speisezimmermöbeln Henry van de Veldes restaurieren und damit einem Entwerfer huldigen, der prototypisch in der Zeit um 1900 für den Aufbruch der Deutschen in die Moderne und die Offenheit ihren internationalen Vertretern gegenüber steht.
Doch auch die Förderung des Nachwuchses ist dem Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ein Anliegen: So vergibt er jedes Jahr fünf Reisestipendien zur Maastrichter Kunstmesse TEFAF an junge Kunsthistoriker, wo diese unter der Führung von Museumsdirektoren wichtige Einblicke in die Welt des Kunsthandels erhalten. Und nicht zuletzt unterstützt der Freundeskreis ganz maßgeblich unser Magazin arsprototo.
arsprototo – das Magazin der Kulturstiftung der Länder

- Lyonel Feininger, Gelmeroda XI, 1928
Wer hätte gedacht, dass sich die Idee eines eigenen Magazines der Kulturstiftung der Länder so rasch zu einer solchen Erfolgsgeschichte ausweiten würde? Seit Mai 2005 erscheint arsprototo, 14.000 Exemplare drucken wir derzeit, über 11.000 Abonnenten informieren wir viermal im Jahr über die neuesten Erfolge deutscher Museen beim Erwerb wichtiger Kunstwerke. Wir erzählen die spannenden Geschichten hinter diesen Akquisitionen, wir führen die Leserinnen und Leser zu unbekannten, unentdeckten Schätzen und Museen der deutschen Kulturlandschaft, und, ganz wichtig: Wir rufen zu Spenden für Restaurierungen auf. Und das erfolgreich: Von romanischen Heiligenfiguren über das barocke Brokatsofa Friedrichs des Großen bis hin zu Skizzen von Max Klinger – mit bald 300.000,00 Euro Spendengeldern haben unsere Leser dazu beigetragen, dass wichtige Kulturgüter in Deutschland vor dem Verfall bewahrt wurden!
Kunst und Kultur stehen für Werte, die Halt und Orientierung geben und die Menschen sowohl erfüllen als auch miteinander verbinden. Wenn sich die Kulturstiftung der Länder daher auch kulturpolitischen Themen widmet, die im Kontext ihres Engagements stehen, so geschieht dies im Wissen darum, dass die Belange von Kunst und Kultur stets in die Gesellschaft zurückwirken, denn sie sind elementare Bausteine der nationalen wie regionalen Identität. Die deutschlandweite, ja internationale Bestürzung über den drohenden oder gar tatsächlichen Verkauf von Schlüsselwerken unseres kulturellen Erbes ins Ausland hat demonstriert, wie sehr die Bewahrung des Überkommenen die Menschen – zum Glück – noch immer bewegt, Grund genug für die Kulturstiftung der Länder, die Frage nach den Schutzbestimmungen für national wertvolles Kulturgut wieder in den gesellschaftlichen und politischen Fokus zu rücken.
Und dabei geht es nicht allein um Reglementierung, sondern auch um Würdigung: Denn zahlreiche Familien in Deutschland bewahren und beschützen, oft schon seit Generationen, zentrale Stücke unseres Erbes in ihrem Besitz. Wie schön wäre es, wenn es gelänge, das Gefühl der Verantwortung diesen einzigartigen Zeugnissen unserer Geschichte gegenüber zu einem allgemeinen werden zu lassen – im privaten wie im öffentlichen Bewusstsein, in der Politik, in den Museen, Bibliotheken und im Handel.
Kulturhauptstadt Europas 2010 – Vorauswahl zum Wettbewerb
Selten aber haben wir die verbindende Kraft von Kunst und Kultur so unmittelbar erlebt wie in der Vorauswahl zum Wettbewerb „Kulturhauptstadt Europas 2010“, die wir 2004 und 2005 im Auftrag der Kultusministerkonferenz organisierten. Auf der Reise unserer Jury durch zehn Bewerberstädte wurde anschaulich, wie facettenreich und intensiv Kultur zum Gegenstand der Auseinandersetzung mit der Frage nach städtischer und regionaler Identität geworden war und damit nicht allein zum Prüfstein des Zusammenlebens in Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch und ganz besonders in der Zukunft.
„Essen für das Ruhrgebiet“ hieß schlussendlich der Sieger der Vor- wie Endauswahl: Der Titel ging damit in eine Region, die, einst durch Stahl und Kohle genährt wie verzehrt, vor einem der gewaltigsten Umbrüche ihrer Geschichte steht. Exemplarisch repräsentiert das Ruhrgebiet die enormen ökonomischen, ökologischen, sozialen und städtebaulichen Probleme im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, aber eben auch die erfolgreichen Ansätze zu deren Lösung. Die Bewerbung Essens thematisierte diesen Umbruch, der die Entwicklung vieler Städte, auch in den neuen Mitgliedsländern der Europäischen Union, beherrschen wird – ein Thema mithin von grenzüberschreitender Relevanz. „Essen für das Ruhrgebiet“ machte uns allen deutlich, welch entscheidende Bedeutung der Kultur in diesem Prozess zukommt und welche kulturellen Potentiale im Umgang mit den Zeugnissen der Schwerindustrie entfaltet werden können. So kann Essen als Kulturhauptstadt zum Kristallisationspunkt der europäischen Diskussion über die Rolle der Kultur im Strukturwandel werden.
Deutscher Theaterpreis „Der Faust“
Ganz besonders das Theater hat im Ruhrgebiet zu einer neuen Blüte gefunden. Das Unfertige, Umbrechende ist für Schauspieler wie Regisseure von großer Kraft; und auch die Kulturstiftung der Länder möchte einen Beitrag zur Förderung und zum Erhalt der deutschen Theaterlandschaft leisten. Aus diesem Grund unterstützen wir den deutschen Theaterpreis „Der Faust“, den der Deutsche Bühnenverein gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Darstellende Künste seit 2006 vergibt. Jährlich wird dieser erste gesamtdeutsche Theaterpreis in einem anderen Bundesland verliehen; von Schauspiel, Regie und Bühnenbild bis hin zu Oper, Tanz und Lebenswerk reichen die Kategorien. Weltweit einzigartig ist die Vielfalt des Theaters in Deutschland, es benötigt Schutz und Würdigung, um auch in Zukunft bestehen zu können!
Das Überdauern von Kultur liegt immer auch im Auge des Betrachters. Erlischt dessen Empfangsbereitschaft, gründend auf Kenntnis, verliert die Kunst, die Literatur, die Architektur, die Musik ihre Emphase und wird vergessen. Und wie viel ist auf diese Weise schon abhanden gekommen? Nicht der Kultur, sondern dem Menschen.
Jugendinitiative KINDER ZUM OLYMP!
Nicht nur „sichern“ und „bewahren“ hat sich die Kulturstiftung der Länder darum auf die Fahnen geschrieben, sondern auch: „vermitteln“! Denn wir sehen in Kunst und Kultur den unverzichtbaren Teil einer umfassenden Bildung, der Menschen prägt und inspiriert. KINDER ZUM OLYMP!, unsere Jugendinitiative, hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder und Jugendliche aktiv mit Kultur in Kontakt zu bringen. Kooperationen von Kindergärten und Schulen auf der einen Seite und Kultureinrichtungen und Künstlern auf der anderen wecken bereits bei jungen Menschen Verständnis für und Interesse an Kunst und Kultur, nicht zuletzt, weil es hilft, die eigene Kreativität zu entdecken. Mit Publikationen, Kongressen, einem eigenen Netzwerk, einer umfassenden Internet-Datenbank sowie einem höchst erfolgreichen Wettbewerb für Schulen – unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten – ist es uns gelungen, Kinder, Jugendliche und Eltern, Lehrer, Künstler, Literaten, Tänzer, Museumsmitarbeiter und Theaterangehörige für das Thema kulturelle Bildung neu zu sensibilisieren, vorhandene Projekte deutschlandweit bekannt zu machen und Aktivitäten zu verbinden.
Das Sinnliche schult das Kognitive, und wir wissen um die Wichtigkeit des Wissens für das Wollen, denn was man nicht kennt, danach sehnt man sich nicht. Sicher: Das Überdauern der Museen, der Opernhäuser und Theater hängt am Fortbestand ihrer Besucher, doch mitnichten geht es uns mit KINDER ZUM OLYMP! um das konsumierende Kulturpublikum der Zukunft oder gar die Optimierung von „Human Resources“ – es geht darum, Kinder und Jugendliche mit all ihren sinnlichen Kräften ausgestattet die Welt entdecken und ihren eigenen Weg gehen zu lassen.
Förderung, Vermittlung und Erhalt von Kunst und Kultur

- Ernst Ludwig Kirchner, Knabe mit Vogel, 1918
Wie so oft im Leben merkt man erst, was man besessen hat, wenn man es verliert. Eigenartig und bezeichnend zugleich, dass nicht nur der lateinische Begriff für das väterliche Erbe, „Patrimonium“, nach der Französischen Revolution als „patrimoine“ seine ihm heute innewohnende Bedeutung als das – zu schützende – kulturelle Erbe eines ganzen Volkes erhielt, sondern dass auch der bis heute übliche, sprechende Begriff für dessen mutwillige Zerstörung eine Schöpfung eben dieser Zeit ist: „vandalisme“. Denn so immens der kulturelle Schatz unserer Nachbarn war, so grausam war seine Vernichtung durch den Wahn der Jakobiner. Zerschlagen die Skulpturen der gotischen Kathedralen, Scheiterhaufen aus Gemälden, ganze Bibliotheken in Flammen: Kein Wunder, dass auf diesen Schock die Zeit nach 1800 zur Geburtstunde des modernen Denkmal- und Kulturgüterschutzes wurde. Verlust schuf Wert.
Die Kulturstiftung der Länder will in der Gesamtheit ihres Wirkens, aus Überzeugung und mit Begeisterung, für eine Zukunft stehen, in der das Bewusstsein für Kunst und Kultur ebenso groß ist wie der Wille, sich dafür einzusetzen. Eine Zukunft, in der engagiert für die Förderung, die Vermittlung und den Erhalt von Kunst und Kultur gekämpft wird und in der alle Hürden mutig überwunden werden. Eine Zukunft, in der sich alle Beteiligten und Verantwortlichen wirkungsvoll und über den Augenblick hinaus für Kunst und Kultur stark machen – und in der Kunst und Kultur uneingeschränkt ihren essentiellen Beitrag zur positiven Entwicklung unserer Gesellschaft leisten können.
