Erwerbungen

Auf der Jagd nach dem bronzenen Drachen

Das Dommuseum Hildesheim erwirbt ein Aquamanile aus dem 12. Jahrhundert

von Joanna Olchawa

Niemand hätte auch nur ahnen können, dass eines der ältesten figürlichen Gießgefäße aus Westmitteleuropa über Jahrhunderte hinweg und von der wissenschaftlichen Forschung gänzlich unbemerkt in Privatbesitz existiert. Angesichts des enormen Interesses seitens der Kunstgeschichte an solchen Objekten sowie des hohen, fortwährend steigenden Marktwertes, den vergleichbare Werke erzielen, ist solch ein Fall nahezu ausgeschlossen. Und doch ist ein derartiges Artefakt in Gestalt eines bronzenen Drachens völlig unerwartet zum Vorschein gekommen.

Allerdings verlief die Wiederentdeckung nicht gradlinig, sondern über mehrere Etappen, ein Weg der Irrungen und Wirrungen von der Fehleinschätzung als „osmanische Öllampe“ des 19. Jahrhunderts im Jahr 2010 bis zur Einlieferung bei einer internationalen Versteigerung der „Arts of the Islamic World“ ein Jahr später. Dort korrigierte man die Zuschreibung und die Entstehungskoordinaten auf „deutsch, frühes 12. Jahrhundert“. Es ist jedoch kaum verwunderlich, dass der Drache zu diesem Zeitpunkt nicht versteigert wurde – zu groß war die Skepsis der Sammler gegenüber dem Objekt und der sich ständig ändernden Einschätzung. Drei Jahre später erfolgte ein erneuter Versteigerungsversuch, dieses Mal bei einer hervorragend dafür geeigneten Auktion für europäische Skulptur. Der Käufer war anonym. Schon äußerte man die Befürchtung, das Werk werde in eine Privatsammlung kommen und absehbar nicht mehr zugänglich sein, als sich herausstellte, dass es für eine öffentliche Sammlung erworben wurde. Eines der wichtigsten Werke innerhalb der Gattung der sogenannten Aquamanilien befindet sich jetzt gewisser­maßen wieder an dem Ort, an dem es vor annähernd 900 Jahren entstand – im Dommuseum Hildesheim.

Drachenaquamanile, 2. Viertel 12. Jahrhundert, 19,6 × 16,5 cm; Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim / Foto: Ansgar Hoffmann
Drachenaquamanile, 2. Viertel 12. Jahrhundert, 19,6 × 16,5 cm; Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim / Foto: Ansgar Hoffmann

Als Aquamanilien werden heute zoomorph oder anthropomorph gestaltete Gießgefäße bezeichnet, die im Mittelalter zur liturgischen und weltlichen Hand­waschung dienten. Erkennbar sind sie an ihrer Hohlförmigkeit, einer Eingussöffnung und einer Ausgusstülle, meist besitzen sie auch einen die Bedienung erleichternden Henkel. Ihr Motivrepertoire variiert zwischen Löwen und Hirschen, Mischwesen wie Sirenen und Kentauren oder auch menschlichen Büsten, Rittern und reitenden Frauen. Die teilweise intellektuell höchst anspruchsvolle Ikonographie lässt sich mit Vorstellungen von Tugenden und Lastern in Verbindung bringen. Diese verweisen wiederum auf den ethisch-moralischen Reinigungscharakter des Ritus, schließlich wäscht man sich die Hände – die ein Symbol des Wirkens darstellen – rein von allen Sünden. Aquamanilien unterstützen diesen Akt, indem sie Tugenden als Handlungsanweisungen und Laster als Warnungen vor Augen führen. Annähernd 400 solcher Objekte, die zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert primär in West- und Norddeutschland sowie später in Nürnberg entstanden, haben sich erhalten. Jedes neu entdeckte Werk, das auf dem Kunstmarkt erscheint oder archäologisch geborgen werden kann, stellt folglich eine kleine Sensation dar.

Das erworbene Aquamanile ist freilich mehr als nur ein Neuzugang innerhalb der Gattung. Es bereichert mit seinen technischen, formalen und stilistischen Besonderheiten insbesondere die Diskussion um die ersten Produktionszentren der Gießgefäße im Heiligen Römischen Reich. Wie die ältesten, um 1120 entstandenen Werke besteht es aus Bronze (oder Messing) und ist außerordentlich dünnwandig in einem Stück gegossen. Geringe Reste einer Oberflächenvergoldung sowie die mit Silber eingelegten Augen lassen eine ehemals eindrucksvolle Farbigkeit erkennen. Zudem ist die Funktion als Gießgefäß in der Form kaschiert: Der Einguss befindet sich an der Spitze des erhobenen Schwanzes, der mit einer mittlerweile verlorenen Klappe verschlossen war, und den Ausguss stellt die längliche, geöffnete Schnauze dar. Es muss gerade in der Zeit, als Aquamanilien noch nicht verbreitet waren, einen besonderen Überraschungseffekt verursacht haben, wenn bei der Verwendung der Drache plötzlich Wasser „spuckte“.

Außergewöhnlich sind auch die fein gearbeiteten und spannungsvoll eingesetzten Details, die dem Drachen trotz seiner symmetrischen und statischen Form Lebendigkeit verleihen: In der Schnauze sind kleine Zähnchen sichtbar, die von zarten Zotteln an den Lefzen umrahmt sind, und am Kopf ist ein gerippter Kamm erkennbar, während sich der fein gravierte Bart dezent nach innen einrollt. Kaum ein Aquamanile ist mit so viel Präzision produziert und verziert worden. Einzelne Elemente wie die kurzen Füßchen, die abstützende, heute abgebrochene Volute am Bauch oder der fischgrätenartige Bruststreifen lassen sich durchaus bei weiteren Gießgefäßen nachvollziehen, die die Annahme einer Entstehung um 1120 festigen können. Doch verweist die Kombination der floralen Gravierungen auf der Brust mit der sternartigen Rautenstruktur auf den Flügelansätzen nicht auf eine Herstellung im Maasgebiet im heutigen Belgien, dem die ältesten Aquamanilien zugeschrieben werden, sondern auf die in ihrer Leistungsfähigkeit immer noch unterschätzte Vorharzregion mit Hildesheim als führendem Pro­duk­tions­zentrum. Diese beiden Verzierungselemente lassen sich nämlich einzig auf Vortragekreuzen, Pyxiden, Tragaltären und Weihwasserkesseln jener Region und Zeit eruieren. Die Neuerwerbung animiert folglich dazu, auch die traditio­nell als maasländisch geltenden Aquamanilien in ihrer Zuordnung neu zu überdenken.

Sassanidische Schale mit Jagdszenen und einem Senmurven, spätes 6./7. Jahrhundert, Durchmesser 13,4 cm; Staatliche Eremitage, St. Petersburg. Beispiel für die Darstellung eines Senmurven in der vor-islamischen Kultur © The State Hermitage Museum / Foto: Vladimir Terebenin
Sassanidische Schale mit Jagdszenen und einem Senmurven, spätes 6./7. Jahrhundert, Durchmesser 13,4 cm; Staatliche Eremitage, St. Petersburg. Beispiel für die Darstellung eines Senmurven in der vor-islamischen Kultur © The State Hermitage Museum / Foto: Vladimir Terebenin

Eine weitere Besonderheit bildet das Motiv des Drachens, zumal es sich nicht um ein konventionell dargestelltes Mischwesen mit einem schlangen- oder lindwurmförmigen Körper handelt, sondern vielmehr um einen sogenannten Senmurv. Der aus der islamischen Kultur stammende „Pfauendrache“ ist an seiner hundeartigen Schnauze, dem rundlichen Vogelkörper mit kleinen Flügeln und seinem hoch aufgestellten, reich verzierten Schwanz erkennbar. Da diese Geschöpfe mit Wasser assoziiert und als glücksbringend sowie schutzgewährend erachtet wurden, sind sie häufig auf Metallgefäßen und -schalen zu finden. Doch nicht nur das Motiv stammt aus der islamischen Kultur, sondern generell die Idee, figürliche Gießgefäße für den Handwaschungsritus zu verwenden. Bereits seit dem 6. und 7. Jahrhundert sind im heutigen Iran und Irak sowie später ebenfalls in Ägypten und Spanien aus Messing bestehende Handwaschgefäße in Gestalt von Adlern, Falken, aber auch Tigern und Löwen hergestellt worden. Sie kamen zu Unterhaltungszwecken innerhalb symposienartiger Zusammenkünfte zur Geltung und waren folglich ausschließlich weltlich konnotiert.

Der komplexe Adaptationsprozess erfolgte nicht über die Kreuzzüge, wie vielfach postuliert wurde, sondern vielmehr über wirtschaftliche Verbindungen und künstlerische Kontakte zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Al-Andalus, dem maurischen Spanien. Spätestens seit dem 10. Jahrhundert ist trotz der instabilen politischen Verhältnisse ein blühender Handel mit Textilien, Leder, aber auch Luxusgütern über die alten Hauptverkehrswege der Römer und Westgoten nachweisbar. Dass auch Aquamanilien in der christ­lichen Welt begehrt oder zumindest bekannt waren, kann ein um 962 in Spanien ausgeführtes Pfauen-aquamanile (Musée du Louvre, Paris) verdeut­lichen. Es trägt nämlich eine lateinisch-arabische Inschrift auf der Brust, die je nach Deutung entweder einen christlichen Gießer erwähnt oder sich an einen christlichen Adressaten wendet. Jener Einfluss aus der islamischen Kultur ist bemerkenswerterweise noch an einem anderen Hildesheimer Werk sichtbar, nämlich dem aus Kupfer getriebenen Hezilo-Radleuchter (um 1079) im Hildesheimer Dom. Vor allem seine floralen, an den Wandungen angebrachten Blattranken sowie einige Architekturelemente sind durchaus islamisch geprägt. Sie verweisen darauf, dass diese fernen visuellen Referenzen zwar selten, aber nicht gänzlich einzigartig waren.

Pfauenaquamanile, 972, Höhe 39,5 cm; Musée du Louvre, Paris © bpk / Musée du Louvre, Dist. RMN - Grand Palais / Foto: Hughes Dubois
Pfauenaquamanile, 972, Höhe 39,5 cm; Musée du Louvre, Paris © bpk / Musée du Louvre, Dist. RMN – Grand Palais / Foto: Hughes Dubois

Historisch betrachtet galt zu jener Zeit die Stadt Hildesheim als ein intellektuelles, politisches, aber auch wirtschaftliches Zentrum; vielfältige Handelswege führten durch sie hindurch – von Westen gen Osten bis nach Nowgorod, aber auch von Norden bis weit in den Süden hinein. Zudem sicherte die Nähe zum Rammelsberg bei Goslar, in dessen Nähe das für die Herstellung notwendige Kupfer abgebaut und verhüttet wurde, einzigartige Arbeitsbedingungen. Auch war hier das Wissen um das anspruchsvolle Gussverfahren bekannt, so dass die Anfertigung des Aquamaniles in dieser Stadt mehr als nur wahrscheinlich ist. Die „Jagd“ nach diesem außergewöhnlichen Drachenaquamanile ist nun zu dem bestmöglichen Zeitpunkt beendet. Denn mit seinem islamisch-christlichen Charakter leistet die Erwerbung einen eigenen Beitrag zur Kultur- und Religionsverständigung und ist somit aktueller denn je.

Dem neu erworbenen Aquamanile widmet das Dom­museum Hildesheim die Ausstellung „Drachenlandung. Ein Hildesheimer Drachenaquamanile des 12. Jahrhunderts“ (bis 16.10.2016) sowie eine Tagung unter dem selben Titel (17./18.6.2016).  

Förderer dieser Erwerbung:
Kulturstiftung der Länder, Ernst von Siemens Kunststiftung, Stiftung Niedersachsen, Klosterkammer Hannover

 

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Joanna Olchawa

ist Kunsthistorikerin in Berlin und unter anderem als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Universität Osnabrück tätig.

Dommuseum Hildesheim
Domhof 18-21, 31134 Hildesheim
Telefon 05121- 307 760
Öffnungszeiten: Di – So 10 –17 Uhr