Erwerbungen

Amazonien in den Alpen

Das Staatliche Museum für Völkerkunde München erwirbt eine umfangreiche private Sammlung mit Artefakten aus dem Amazonasraum.

von Martin Hoernes

Die Gemeinde Icking im bayerischen Voralpenland: ein auf den ersten Blick unauffälliges Einfamilienhaus mit einem grandiosen Blick über die Isar auf das Alpenmassiv. Doch bis vor kurzem eröffnete sich hinter der modernen Eingangstür eine aufregende ferne Welt: Amazonien. Meterlange Lanzen, Bogen und Blasrohre waren auf hohen Borden in langen Fluren dekoriert, dicke Pfeilbündel – Vorsicht Curare! – standen in den Ecken; Regale und Vitrinen quollen über von Keramikgefäßen, Geräten, Ketten, Ohrgehängen aus farbenprächtigen Federn, Jaguarkrallen, schillernden Käferflügeldecken oder Tierzähnen. Selbst über den ehemaligen Kinderbetten waren bunte Federbehänge ausgespannt, Masken hingen an der Wand, die Spur kunstvoll geflochtener Körbe und Gefäße führte bis in die Kellerräume. So sieht es aus, wenn man mit einer Sammlung lebt!

Federkopfschmuck der in Südwestamazonien lebenden Zoro aus Arafedern, Adlerdaunen und Palmblättern - von Männern zu zeremoniellen Anlässen getragen
Federkopfschmuck der in Südwestamazonien lebenden Zoro aus Arafedern, Adlerdaunen und Palmblättern – von Männern zu zeremoniellen Anlässen getragen

Und Professor Dr. Ernst Josef Fittkau ist ein leidenschaftlicher und ernsthafter Sammler. Als Zoologe leitete er die Abteilung für Limnologie am Nationalen Institut für Amazonienforschung in Manaus. Von 1960 bis 1963 lebten der Regenwaldspezialist und seine Familie in Brasilien. Neben seiner Forschungstätigkeit sammelte Fittkau Gegenstände aus dem direkten Gebrauchszusammenhang der Amazonasindianer, deren Lebensraum schon damals durch die wirtschaftliche Erschließung bedroht war. Deshalb sind die 2.000 Fotografien, die auf seinen mehrwöchigen Exkursionen entstanden, ein zusätzlicher Schatz der ausführlich dokumentierten Sammlung, die Zeugnisse der Alltags- und Festkultur umfasst. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Exkursionen hatte Fittkau mehrfach Erstkontakte zu Indianergruppen, die damals meist nur über strapaziöse Wasserwege zu erreichen waren. Ungezählte Male mussten dabei die Boote ausgeladen und an den zahlreichen Wasserfällen vorbeigetragen werden.

1/2

Die geographischen Schwerpunkte der Sammlung liegen bei den Waika im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet, der Xingú-Region im brasilianischen Staat Mato Grosso, den Tiriyó im Grenzgebiet von Brasilien und Suriname sowie bei den Canela im Südosten Amazoniens. Als Gewässerkundler – und nicht als Ethnologe – hatte er einen anderen, vielleicht sogar direkteren Zugang zu den Indianern und ihrer materiellen Kultur. Die handwerklich aufwendigst gefertigten Stücke hatten stets ihren Preis: Neben Glasperlen aus der Tschechoslowakei, die zu eigenen Schmuckstücken verarbeitet wurden, waren im Gegenzug vor allem Schrotflinten oder Kleinkalibergewehre für die Jagd gefragt. Aber auch Messer, Angelhaken, Zigaretten und Süßigkeiten waren beliebte Tauschobjekte für Krallenketten und Schmuck. Professor Fittkau ließ oft buchstäblich sein vorletztes Hemd im Urwald und kehrte mit spärlicher Bekleidung, erleichtertem persönlichen Gepäck, aber zahlreichen Neuzugängen zu seiner Sammlung zurück. Viele hochkarätige Stücke holte aber auch Fittkaus Ehefrau Elise in die Sammlung, die ihren Mann so oft wie möglich bei seinen Unternehmungen begleitete: Das waren dann Geschenke der Missionsschwestern oder der Indianer-Frauen, zu denen sie gute Kontakte aufbaute.

Mit etwa 4.000 Objekten von über 100 Indianergruppen aus dem gesamten Amazonasgebiet ist die Sammlung Fittkau eine der bedeutendsten Amazoniensammlungen des 20. Jahrhunderts, die heute nicht mehr in dieser Form angelegt werden könnte. Durch den rasanten Wandel und die Zerstörung ihrer Lebensräume ist das fragile – meist aus organischen Materialien bestehende – kulturelle Erbe der Indianer aufs Höchste gefährdet. Handwerkliche Techniken und Traditionen und damit die hohe Qualität vieler Objekte gehen verloren. Zudem machen inzwischen die Artenschutzbestimmungen zum Beispiel den Import von aus seltenen Papageienfedern oder Jaguarkrallen gefertigten Schmuckstücken unmöglich. Für die Indianer hatte die Bewahrung der rituellen Gegenstände nach ihrem Gebrauch oft keine Priorität. In eine der Holzmasken vom Mädcheninitiationsfest der Ticuna hatte ein Huhn bereits Eier gelegt, bevor das wertvolle Stück durch Tausch seinen Weg in die Sammlung fand. „Beutekunst“, wie ein reißerischer Artikel kurz vor ihrer Präsentation in München spekulierte, enthält die Sammlung Fittkau keinesfalls. Vielmehr handelt es sich um Objekte, die als Geschenke oder nach Tausch in bestem Einvernehmen mit den Indianern nach Icking gekommen waren.

Der Erwerb der Sammlung Fittkau fügt sich in eine ganze Reihe von Förderungen der Kulturstiftung der Länder ein, bei denen umfangreiche völkerkundliche Sammlungen für die Öffentlichkeit gesichert werden konnten, so etwa auch die Benin-Sammlung des Afrikaforschers Hans Meyer für das Grassi museum für Völkerkunde in Leipzig. Bei derartigen Erwerbungen sind nicht nur die Qualität der Einzelstücke, sondern immer auch der Sammlungszusammenhang, die Entstehungsgeschichte oder eine faszinierende Sammlerpersönlichkeit ausschlaggebend für die Förderung. Mit dem Ankauf allein ist es aber nicht getan. Die Kulturstiftung fördert in diesem Fall auch die intensive wissenschaftliche Erschließung der Sammlung Fittkau, deren Katalog im kommenden Jahr in der Patrimonia-Reihe der Stiftung erscheinen soll.

Das Staatliche Museum für Völkerkunde München erhält mit der Sammlung exzellent erhaltener Objekte eine gut dokumentierte und wertvolle Ergänzung seiner Bestände. Gleichzeitig setzt sich eine langjährige Tradition des Hauses fort: Bereits von 1817 bis 1820 waren die Naturwissenschaftler Johann Baptist Ritter von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und mit Unterstützung des bayerischen Königshauses im Amazonasgebiet unterwegs. Die 500 Ethnographica dieser Expedition bildeten den Grundstock des Völkerkundemuseums. Ende des 19. Jahrhunderts forschte mit Therese von Bayern sogar eine Wittelsbacherprinzessin in der gleichen Region und überließ ihre Sammlungen ebenfalls dem Haus. Auf Ernst Josef Fittkau, den zehnten Nachfolger von Spix als Direktor der Zoologischen Staatssammlung München, geht nun diese jüngste Neuerwerbung zurück, die eine über 200-jährige bayerische Sammlungstradition fortsetzt – und die Isar so zu einem legitimen Nebenfluss des Amazonas macht!

M-0038_38591_Quadrat_sw_Hoffotografen

Martin Hoernes

ist Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. In den Jahren 2007 bis 2014 war er stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.

Weitere Informationen

Staatliches Museum für Völkerkunde München
Maximilianstraße 42, 80538 München
Telefon 089- 2101 36 100
Öffnungszeiten: Di–So 9:30–17:30 Uhr
http://www.voelkerkundemuseum-muenchen.de