Titelthema Nationalgalerie

Abend über Deutschland

Mit Lotte Lasersteins Gemälde „Abend über Potsdam“ von 1930 gelingt der Berliner Nationalgalerie eine spektakuläre Neuerwerbung für die Sammlung der klassischen Moderne.

von Anna-Carola Krausse

Das Berliner Tageblatt sprach 1929 eine deutliche Sprache: „Lotte Laserstein – diesen Namen wird man sich merken müssen. Die Künstlerin gehört zu den allerbesten der jungen Maler Generation, ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben!“ Tatsächlich schien alles auf eine große Karriere hinzuweisen. Die junge Malerin, die zwei Jahre zuvor als eine der ersten Frauen ihr Studium an der Berliner Kunstakademie abgeschlossen hatte, nahm Ende der zwanziger Jahre an vielbeachteten Ausstellungen teil, erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, 1931 folgte die erste Einzelausstellung in der renommierten Galerie Gurlitt. Der sich abzeichnende „glanzvolle Aufstieg“ fand jedoch schon wenige Jahre später ein jähes Ende. Von den Nationalsozialisten zur „Dreivierteljüdin“ erklärt, wurde Laserstein sukzessive aus dem öffentlichen Kunstleben ausgeschlossen. Angesichts der immer bedrängender werdenden Lebens- und Arbeitssituation sah sich die Malerin schließlich zur Emigration gezwungen. Eine Einladung der Stockholmer Galerie Moderne bot ihr im Winter 1937 die günstige Gelegenheit, Deutschland mit einem Teil ihrer Werke zu verlassen.

The party is over – gedrückte Stimmung als Vorahnung einer dunklen Zeit? Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, 111 × 206 cm; Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie
The party is over – gedrückte Stimmung als Vorahnung einer dunklen Zeit? Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, 1930, 111 × 206 cm; Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie

Obwohl sich Laserstein in Schweden als Porträt- und Landschaftsmalerin etablieren konnte, war es ihr unter den materiell wie psychisch belastenden Bedingungen nicht möglich, in gleicher Intensität und Qualität mit der Arbeit fortzufahren. Nach Deutschland kehrte sie dennoch auch nach dem Krieg nicht zurück. Zu viele schreckliche Erinnerungen verbanden sich für sie mit dem Land: Ihre Mutter war 1943 im KZ Ravensbrück ums Leben gekommen, ihre Schwester Käte hatte Krieg und Verfolgung unter traumatisierenden Bedingungen in einem Berliner Versteck überlebt. Die vor der Emigration in Berlin entstandenen Bilder, insbesondere jene, die Laserstein in den wenigen Jahren des freien Arbeitens zwischen 1927 und 1933 geschaffen hat, stellen aus heutiger Sicht den Höhepunkt des umfangreichen Œuvres dar, das die Malerin, die 1993 im südschwedischen Kalmar starb, hinterlassen hat.

In diesen Berliner Bildern schildert die passionierte Menschenmalerin Laserstein ihr großstädtisches Umfeld: Caféhaus-Szenen, sportive Frauen und fesche Mädchen, junge Motorradfahrer oder die fremdländischen Gesichter, die ihr in den Straßen des kosmopolitischen Berlins begegnen. In zahlreichen Selbstbildnissen, vor allem aber in Darstellungen der Freundin und Muse Traute Rose, befragte Laserstein darüber hinaus immer wieder das Bild der zeitgenössischen „neuen Frau“. Insbesondere der Zusammenarbeit mit dem erklärten „Lieblingsmodell“ Traute verdanken sich einige der besten Bilder Lasersteins, darunter intime Malerin-Modell-Darstellungen wie „Ich und mein Modell“ oder „In meinem Atelier“. Mit dem 1928 entstandenen Atelierbild gewährt die Malerin Einblick in ihr Arbeitsethos und professionelles Selbstverständnis. Blickfang des monumental wirkenden, tatsächlich aber erstaunlich kleinen Bildes (es misst gerade einmal 46 × 73 cm), ist zweifellos der über das gesamte Querformat sich erstreckende Akt in der Pose der schlafenden Venus. Die Göttin der Liebe ist hier allerdings ein gänzlich diesseitiges Geschöpf, gemalt von einer Frau, die sich durch ihren burschikosen Kurzhaarschnitt ebenfalls als moderne, emanzipierte Zeitgenossin zu erkennen gibt.

Die dargestellte Arbeitssituation ist getragen von Ruhe und Vertrauen. Durch das breite Panoramafenster fällt helles Winterlicht, das eine gedämpfte, konzentrierte Stille verbreitet, in der man nur das Schaben des Pinsels und das Knistern des Ofens zu hören meint. Trotz der blickhaften Teilhabe, die die Malerin dem Betrachter gewährt, hält sie ihn auf Distanz. Der schlafende Akt wird zur Barriere, ein Eintritt in den Bildraum ist nicht möglich. Bei der Arbeit im Atelier, so signalisiert das Bild, bleiben die Malerin und ihr Modell für sich, schweben über den Dächern in ihrer eigenen Welt.

So sinnlich der Akt anmutet, so minutiös ist er malerisch erfasst. Laserstein zeigt sich als nüchterne Beobachterin des Leibes. Idealisiert wird nicht. Sie malt, was sie sieht, und sie malt es so, wie sie es von den großen Meistern der Kunstgeschichte gelernt hat. Jedes Detail, ob Fingernägel, Ohrmuschel oder einzelne Haarsträhnen, alles wird in nahezu altmeisterlicher Manier protokolliert. Gerade die unzweifelhafte Beherrschung des malerischen Handwerks ist der Akademieabsolventin der ersten Stunde probates Mittel, ihre Professionalität unter Beweis zu stellen. So hegt sie denn auch keine Berührungsangst mit den von der Avantgarde attackierten Kunsttraditionen. Im Gegenteil. Spielerisch bedient sie sich im reichen Fundus der Kunstgeschichte, zitiert, macht Anspielungen, variiert – und bleibt bei all dem doch weit entfernt vom Eklektizismus und Epigonentum jener konservativen Tendenzen, die gegen Ende der Weimarer Republik mit historisierender Betulichkeit und biederem Konventionalismus der vermeintlichen Entseelung des Menschen zu begegnen suchten. Ebenso selbstverständlich wie in die Kunstgeschichte greift die Malerin für ihre Kompositionen auf die Formensprache aktueller Bildwelten zurück. Von der Fotografie übernimmt sie das eben entwickelte Stilmittel der formatfüllenden Nahsicht, das dem „Mongolen“ seine eindringliche Intensität verleiht. In der graphisch raffiniert angelegten „Tennisspielerin“ bricht sich die plakative Ästhetik der zeitgenössischen Reklame Bahn.

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Motivisch und thematisch stehen Lasersteins Werke der Neuen Sachlichkeit nahe. Und doch herrscht hier ein gänzlich anderer Ton. In gedeckten, häufig erdigen Farben gestaltet die Malerin stille, verharrende Szenen, denen alles Laute und Schrille fremd ist. Die kühle Glätte und gesellschaftskritische Schärfe, die den Werken der Neuen Sachlichkeit eigen sind, sucht man bei Laserstein vergeblich. Die Malerin reizt weder das Verruchte noch Skandalöse, sie überzeichnet und karikiert nicht, sondern gestaltet ihren unsentimentalen Blick auf die alltägliche Welt in einer naturalistischen Genauigkeit, die ihre Wurzeln im Realismus des 19. Jahrhunderts hat. Dabei versteht sie es, überkommene ikonographische Bildformeln und malerische Traditionen neu zu interpretieren und in moderne, auf die Gegenwart bezogene Aussagen zu überführen. Aus dieser Synthese von Tradition und Moderne entstehen Bilder bestechender Zeitgenossenschaft und Aktualität.

Dies gilt in besonderem Maße für Lasersteins Hauptwerk „Abend über Potsdam“, das seit Kurzem die Sammlung der Nationalgalerie Berlin bereichert. Die großformatige Holztafel gibt sich einerseits als facettenreiches Arrangement kunsthistorischer Versatzstücke zu erkennen: Die christliche Abendmahlsdarstellung trifft auf die Reglosigkeit Vermeerscher Genreszenen, die topografisch genaue Stadtansicht steht gleichberechtigt neben delikaten Stillleben. Und doch ist die an romantische Freundschaftsbilder erinnernde Darstellung einer Zusammenkunft in der Abendstunde weit mehr als die virtuose Kompilation kunsthistorischer Zitate. Zu einer Zeit, da die Weltwirtschaftskrise den „Goldenen Zwanzigern“ ein Ende bereitet hatte und Desillusionierung und Orientierungslosigkeit Raum griffen, entwarf Laserstein mit seismografischem Gespür ein komplexes Stimmungsbild ihrer Zeit, das heute als ein Schlüsselbild der deutschen Geschichte betrachtet werden kann.

Die Freunde, die hier in der Dämmerstunde beisammensitzen, geben sich durch ihre Kleidung als moderne Großstädter zu erkennen. Wein und Bier sind getrunken, das Gespräch ist verstummt. In ihrer gedankenvollen Stille vermittelt die Dachgartengesellschaft den Eindruck eines abendlichen Idylls. Doch die Beschaulichkeit trügt. Hier herrscht ein unbestimmtes Warten, grüblerische Innenschau, melancholisches Sinnieren. Beisammen und doch allein, in Sprachlosigkeit befangen, buchstäblich am Abgrund sitzend und von der umgebenden Welt durch eine tiefe Kluft getrennt, harren die jungen Menschen der Dinge, die da kommen. Aus der historischen Distanz erhält die Zusammenkunft in der Dämmerung, am Übergang von Tag zu Nacht, geradezu symbolhaften Charakter. In diesem am Vorabend des Nationalsozialismus gemalten modernen Abendmahl kondensiert der Zeitgeist der späten Weimarer Republik, manifestiert sich das Lebensgefühl jener Generation, die man später als die „verlorene“ bezeichnen wird.

Auch Laserstein gehört zu dieser „verlorenen Generation“, deren Leben durch den Nationalsozialismus einen irreparablen Bruch erlitt. Die Emigration riss sie aus ihrem kulturellen wie sozialen Umfeld und beendete die vielversprechend begonnene Karriere. Zwar konnte Laserstein – im Gegensatz zu vielen anderen emigrierten Künstlerinnen und Künstlern – im Exil weiterhin von der Kunst leben, aber das „Malen fürs Lebensbrot“, wie sie es nannte, unterminierte mit der Zeit ihre künstlerische Kraft und führte zu einer schweren Krise.

Aus ökonomischen Gründen widmete sich die Malerin in Schweden verstärkt der Landschaftsmalerei, ein Genre, das im Berliner Werk kaum eine Rolle gespielt hatte, sich im Asyl-Land aber als gut verkäuflich erwies. Doch nicht nur die Motivik, auch der Stil ändert sich unter dem Druck der Erwerbsmalerei: Laserstein reüssierte mit duftigen, impressionistisch anmutenden Landschaften und Stadtansichten. Um dem daraus resultierenden Verlust des Eigenen entgegenzuwirken, begann die Malerin ab Ende der vierziger Jahre eine Art künstlerischer Selbsttherapie. Es entstand eine Reihe von eindrucksvollen Selbstbildnissen, in denen sie frühe Berliner Arbeiten zitiert oder sich zu ihnen in Beziehung setzt. Im „Selbstportrait vor Abend über Potsdam“ zeigt sich die einst forsch und resolut auftretende Malerin nun klein und zerbrechlich. Dass Laserstein sich in dieser unbeschönigenden Selbstdarstellung ausgerechnet vor dem „Abend über Potsdam“ präsentiert, kommt nicht von ungefähr: Das Berliner Bild, dem die Malerin im Exil den rückblickenden Titel „Meine Freunde“ gab, war für Laserstein von größter persönlicher Bedeutung.

Bis kurz vor ihrem Tod hing es in ihrer Wohnung und galt als unverkäuflich. Mit dem Einzug in die Sammlung der Berliner Nationalgalerie kehrt Lasersteins Meisterwerk nun nach 80 Jahren an den Ort seines Entstehens zurück. Der spektakuläre Ankauf ist nicht nur eine Wiedergutmachung und eine Verbeugung vor einer großen, lange zu Unrecht vergessenen Realistin des 20. Jahrhunderts. Der Erwerb des Bildes darf auch, wie der Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann betont, als ein programmatisches Statement verstanden werden: Zum einen ist der Ankauf von der bewussten Entscheidung für eine Künstlerin getragen gewesen, da Künstlerinnen in der Sammlung der klassischen Moderne immer noch unterrepräsentiert sind. Vor allem und in erster Linie aber ist es eine Entscheidung für ein hochkarätiges Werk gewesen, das sowohl als ästhetisch verdichteter Ausdruck seiner Zeit als auch aufgrund seiner künstlerischen Virtuosität besticht. Lasersteins „Abend über Potsdam“ ist ein bravouröses Beispiel für jene figurativen Tendenzen, die sich parallel zu den Avantgarde-Bewegungen entwickelten, aber aufgrund mangelnder kunsthistorischer Kategorien (und wohl auch aufgrund ideologischer Berührungsängste) jahrzehntelang vernachlässigt oder gar ignoriert wurden. Diese übersehenen Facetten der Moderne jenseits von Abstraktion und revolutionären Ismen gilt es künftig – wie in der aktuellen Sammlungspräsentation „Moderne Zeiten“ bereits geschehen – mit in den Blick zu nehmen und neu zu bewerten. Lasersteins beeindruckender „Abend über Potsdam“, der ab sofort in einem eigenen Raum das Entrée zur Ausstellung „Moderne Zeiten“ bildet, liefert den besten Beweis für die Notwendigkeit einer solchen Erweiterung des bestehenden Kanons. Lotte Laserstein – diesen Namen wird man sich merken müssen.

Anna-Carola Krausse

ist Kunsthistorikerin, freie Autorin und Kuratorin in Berlin.

Neue Nationalgalerie

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