Kulturerbe bewahren

Wunschwerke

Über unser nationales Kulturerbe und den globalisierten Kunstmarkt.

von Dr. Rose-Maria Gropp

Seit fünfundzwanzig Jahren gibt es die Kulturstiftung der Länder (KSL) – eine lange Zeit schon, doch kurz, gemessen an den Aufgaben, denen sich die Stiftung in Deutschland widmet; dies nicht zuletzt in einem Land, dessen Kulturgut durch das Unwesen der Nationalsozialisten so schlimm gelitten hat. Freilich leistet diese Einrichtung viel mehr, als solche Verluste lindern zu helfen. Das kann jeder ermessen, der sich mit dem internationalen Kunsthandel und dem Auktionsgeschehen beschäftigt – und genauer damit, was dort für die deutschen Kulturinstitute gesichert werden konnte und kann. Oft findet sich in deren Erfolgsmeldungen der kleine, doch entscheidende Zusatz „… erworben mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder“. Aber die KSL springt nicht erst bei, wenn es ans Bezahlen geht, sondern sie ist vorher zur Stelle: „Eine Stiftung, die anspornt und ermutigt, die finanziert, verbindet und berät, die mit Einsatz, Mitteln und Ideen Museen, Archive und Bibliotheken bei der Sicherung von Kunst und Kultur von nationaler Bedeutung unterstützt“, lautete die schöne klare Definition, die Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin, 2008 zum zwanzigjährigen Bestehen der gemeinsamen Einrichtung der sechzehn Länder gegeben hat.

Längst ist die Stiftung eine Instanz, der noch weit mehr Resonanz, ganz eigentlich im besten Sinne des Wortes: Popularität in der breiten Öffentlichkeit zu wünschen ist. So war sie jüngst beteiligt an der Erwerbung von Martin Kippenbergers Gemälde „Sympathische Kommunistin“ aus dem Jahr 1983 für das Museum Ludwig in Köln, einem zentralen Frühwerk des 1997 gestorbenen deutschen Künstlers. Denn stets arbeitet die KSL gemeinsam mit anderen, in diesem Fall mit dem Land Nordrhein-Westfalen und dem mäzenatischen Denken des bisherigen Eigentümers. Wer die Preise für wesentliche Arbeiten Kippenbergers, um bei diesem Beispiel zu bleiben, im internationalen Markt verfolgt, weiß, dass diese sich in den Bereich von drei Millionen Euro hochgeschraubt haben. Deshalb ist die folgende Anmerkung entscheidend: Die Kulturstiftung wirkt eben nicht mit an solchen Spiralen – im Gegenteil. Sie handelt unter der Maßgabe pekuniärer Vernunft, nach sorgfältiger Evaluation, und Bürgersinn und öffentliche Partner tun das Ihre dazu. Maximal ein Drittel des Preises kann sie beisteuern, zudem steht „Diskretion“ auf dem Panier der Stiftung, und dieses Wort muss dort unbedingt stehen. Denn keinesfalls darf die Erwerbungsstrategie dazu dienen, die ubiquitäre Preistreiberei noch zu befeuern, nach dem marktnotorischen Motto: Dann machen wir’s doch gleich noch teurer.

Oskar Kokoschka, Mädchenhalbakt, den Rock zwischen den Beinen durchgezogen (Tochter des Gauklers), 1907, 45,2 × 31,3 cm; Privatbesitz
Oskar Kokoschka, Mädchenhalbakt, den Rock zwischen den Beinen durchgezogen (Tochter des Gauklers), 1907, 45,2 × 31,3 cm; Privatbesitz

Längst ist die Stiftung eine Instanz, der noch weit mehr Resonanz, ganz eigentlich im besten Sinne des Wortes: Popularität in der breiten Öffentlichkeit zu wünschen ist. So war sie jüngst beteiligt an der Erwerbung von Martin Kippenbergers Gemälde „Sympathische Kommunistin“ aus dem Jahr 1983 für das Museum Ludwig in Köln, einem zentralen Frühwerk des 1997 gestorbenen deutschen Künstlers. Denn stets arbeitet die KSL gemeinsam mit anderen, in diesem Fall mit dem Land Nordrhein-Westfalen und dem mäzenatischen Denken des bisherigen Eigentümers. Wer die Preise für wesentliche Arbeiten Kippenbergers, um bei diesem Beispiel zu bleiben, im internationalen Markt verfolgt, weiß, dass diese sich in den Bereich von drei Millionen Euro hochgeschraubt haben. Deshalb ist die folgende Anmerkung entscheidend: Die Kulturstiftung wirkt eben nicht mit an solchen Spiralen – im Gegenteil. Sie handelt unter der Maßgabe pekuniärer Vernunft, nach sorgfältiger Evaluation, und Bürgersinn und öffentliche Partner tun das Ihre dazu. Maximal ein Drittel des Preises kann sie beisteuern, zudem steht „Diskretion“ auf dem Panier der Stiftung, und dieses Wort muss dort unbedingt stehen. Denn keinesfalls darf die Erwerbungsstrategie dazu dienen, die ubiquitäre Preistreiberei noch zu befeuern, nach dem marktnotorischen Motto: Dann machen wir’s doch gleich noch teurer.

Die umfassenden Kenntnisse ihres Stabs, was das Marktgeschehen und die Desiderate der Kulturinstitute betrifft, und die hohe Flexibilität, die schnelles Handeln erlaubt, sind die geistigen Assets der KSL. Dabei sind keineswegs der Handel und die Auktionshäuser die geborenen Widersacher der Kulturstiftung. Naturgemäß sind sie ihre Mitbewerber, vor allem dann, wenn die gewünschten Objekte erst einmal unter den Hammer kommen. Und selbstredend ist es dem Handel lieber, wenn er ein begehrtes Stück erst selbst erwischen kann, um es dann an ein Museum, ein Archiv, eine Bibliothek weiterzureichen, mit einigem Gewinn, versteht sich. Aber es hat sich auch herumgesprochen, dass da freundschaftliche Gesten womöglich die deutlich wirksamere Selbstreklame sind, schließlich gilt: Wer sich edel, hilfreich und gut zeigt, dem vertrauen auch gern die privaten Käufer. Womit die vielleicht schärfsten Konkurrenten um Wunschwerke genannt sind – ohne dass die selbst überhaupt darum wissen müssen. Denn hat ein kapitalstarker Privatsammler oder bloß Liebhaber eines bestimmten Werks, vor allem in einer Versteigerung, unbedingtes Interesse, dann muss jeder begrenzte Museumsetat kapitulieren vor dem hohen Preis für ein erhofftes Kunstwerk, mit dem vorher nicht zu rechnen war. So etwas geschieht immer wieder. Wer nur einmal, vor verschwiegener Solidarität bibbernd mit einem Museum, in einer solchen Auktion dabei saß, kennt das Gefühl dieser Niederlage.

Die umfassenden Kenntnisse ihres Stabs, was das Marktgeschehen und die Desiderate der Kulturinstitute betrifft, und die hohe Flexibilität, die schnelles Handeln erlaubt, sind die geistigen Assets der KSL. Dabei sind keineswegs der Handel und die Auktionshäuser die geborenen Widersacher der Kulturstiftung. Naturgemäß sind sie ihre Mitbewerber, vor allem dann, wenn die gewünschten Objekte erst einmal unter den Hammer kommen. Und selbstredend ist es dem Handel lieber, wenn er ein begehrtes Stück erst selbst erwischen kann, um es dann an ein Museum, ein Archiv, eine Bibliothek weiterzureichen, mit einigem Gewinn, versteht sich. Aber es hat sich auch herumgesprochen, dass da freundschaftliche Gesten womöglich die deutlich wirksamere Selbstreklame sind, schließlich gilt: Wer sich edel, hilfreich und gut zeigt, dem vertrauen auch gern die privaten Käufer. Womit die vielleicht schärfsten Konkurrenten um Wunschwerke genannt sind – ohne dass die selbst überhaupt darum wissen müssen. Denn hat ein kapitalstarker Privatsammler oder bloß Liebhaber eines bestimmten Werks, vor allem in einer Versteigerung, unbedingtes Interesse, dann muss jeder begrenzte Museumsetat kapitulieren vor dem hohen Preis für ein erhofftes Kunstwerk, mit dem vorher nicht zu rechnen war. So etwas geschieht immer wieder. Wer nur einmal, vor verschwiegener Solidarität bibbernd mit einem Museum, in einer solchen Auktion dabei saß, kennt das Gefühl dieser Niederlage.

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Auch deshalb hat die Kulturstiftung der Länder eine Menge Werke in ihrer – bis auf weiteres imaginären – Wunschliste: Etwa eine frühe Zeichnung von Oskar Kokoschka, ein „Mädchenhalbakt, den Rock zwischen den Beinen durchgezogen ( Tochter des Gauklers)“ von 1907, die einst in der Mannheimer Kunsthalle von den Nationalsozialisten als „entartet“ entfernt wurde. Geschätzt auf 120.000 bis 180.000 Pfund hat das Blatt, in dem die bildnerische Energie der Avantgarde am Beginn des 20. Jahrhunderts ihren gültigen Ausdruck findet, im Februar 2013 in einer Londoner Auktion 265.250 Pfund (inklusive des für das Auktionshaus fälligen Aufgelds) erzielt; es gehört nun wohl einer Privatperson. Oder es gibt jene bezaubernden Kinderbildnisse, die die Enkel des preußischen Hofmalers Antoine Pesne zeigen. Auch in ihrem Fall ist die Herkunft interessant; haben sie doch eine nahezu ideale Provenienz, vom Atelier des Künstlers und in den Händen seiner Nachkommen über zwei bedeutende Berliner Privatsammlungen, von Berks und von Schwabach, beide Zeugen einer untergegangenen Sammlerkultur. Die Familie von Schwabach verlor die Gemälde im Zuge von NS-Diktatur und Krieg; versteigert wurden sie jüngst in London nach gütlicher Einigung zwischen Erben und Einlieferer. Und wieder scheiterte das institutionelle Gebot an einem Überbieter, durchaus auch am mit Augenmaß selbst gesetzten Limit. Geschätzt auf 70.000 – 100.000 Pfund ging das Geschwisterpaar an einen zahlungskräftigen Konkurrenten, für gut 180.000 Pfund. Wer den Kunstmarkt aufmerksam beobachtet, wird diesen und anderen Objekten vielleicht eines Tages wieder begegnen. Ein noch schönerer Tag wäre es freilich, wenn sich die neuen Eigentümer dazu entscheiden könnten, solche Stücke der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Niemand erwartet, dass immer gleich alles geschenkt sein müsste. Ein bürgerschaftliches – oder, falls aus dem Ausland, verständnisvolles – Entgegenkommen ist da schon die honorige Geste. Und die Kulturstiftung der Länder wäre hilfreich zur Stelle.

Denn die Stiftung kann ihre kraftvollen Fittiche dort ausbreiten, wo ihr die Chance dafür gegeben wird, das beweist ihre bisherige Bilanz. Ihr Engagement bedeutet, dass sie zahlreiche Objekte vor der Abwanderung ins Ausland bewahren konnte, als „Patrimonium“. Patrimonium meint nichts anderes als lebendige Erinnerungsarbeit, die gegen Verdrängung, Verleugnung und Verwerfung steht, vor allem aber für ein unbedingt gegenwärtiges Bewusstsein, das sich aus der lebendigen Erfahrung von Kultur in ihren Erscheinungsformen durch die Zeitläufte speist, einem Wissen also, das für alle Menschen da ist, die hierzulande leben. Das sind gewiss nicht nur die, die in Deutschland geboren sind, sondern alle, die hier heimatlich werden können. Eine, leider allzu vage Hilfestellung leistet jene „Liste“, die alle Kulturgüter, die in ihr verzeichnet sind, vor Abwanderung feit, nämlich das „Verzeichnis national wertvollen Kulturguts“. Wer den Kunstmarkt verfolgt, weiß, dass der immer stärker globalisierte Handel naturgemäß diesen Schutz vor Abwanderung überhaupt nicht schätzt. Das ist, aus der Perspektive dieser Interessengruppe, allemal verständlich: Ein Werk von internationalem Interesse bringt erwartbar weniger Erlös für seinen Eigentümer, wenn es nicht in den weltweiten Warenfluss eingespeist werden kann. Auch dafür gibt es ein prominentes Beispiel aus dem Jahr 2011, das den Konflikt mit hartem Schlaglicht beleuchtet: Seit die Familie Hessen publik gemacht hatte, dass sie die „Schutzmantelmadonna“ des Hans Holbein, die inzwischen im Frankfurter Städel Museum als Leihgabe bewahrt wurde, veräußern wolle, gab es ein Ringen um den Preis für das einzigartige Gemälde. Gewiss nicht unrealistisch waren Erwägungen, dass der internationale Markt für das Bild 100 Millionen Dollar hergegeben hätte; für solche Spekulationen war stets das Getty Museum in Kalifornien gut, aber inzwischen sind es längst auch private Interessenten aus dem russischen oder asiatischen Raum. Weil die Holbein-Madonna aber auf der „Liste“ verzeichnet ist, darf sie nicht aus Deutschland ausgeführt werden.

Vor diesem Hintergrund sammelte das Städel gemeinsam mit einem Konsortium, das aus dem Museum selbst, dem Land Hessen und anderen Partnern – zu denen auch die Kulturstiftung der Länder zählte –, seine äußersten Kräfte und hätte 40 Millionen Euro aufbieten können. Doch das war den bisherigen Besitzern zu wenig. Für jedenfalls mehr als 50 Millionen Euro verkauften sie die Holbein-Madonna an den Unternehmer Reinhold Würth. Das war womöglich nicht die schlechteste Lösung. Doch festzuhalten bleibt: Das Beharren der Eigentümerfamilie auf ihrer exorbitanten Preisvorstellung hat am Ende das Städel aus dem Rennen geworfen.

Was das bedeutet? Das „Verzeichnis nationalen Kulturguts“ ist kein willkürlich chauvinistischer Akt, sondern der nicht nur legitime, sondern unbedingt wichtige Versuch, Zeugnisse von Kunst und Kultur – die hier übrigens gar nicht entstanden sein müssen, sondern eben historisches Zeugnis ablegen – für das Land zu bewahren. Und es ist unabdingbar, dass in den öffentlichen Museen, in den Bibliotheken, in den Archiven jenes Verständnis wachgehalten wird für die nie versiegenden Fragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Dafür braucht es freilich eine Sensibilität für die res publica, die eine gemeinsame Verantwortung ist.

Der internationale Kunstmarkt, der keineswegs das Reich des Bösen per se ist, hat seine Aufgabe in der Um- und Neuverteilung vieler wunderbarer Objekte, und dafür ist er notwendig, sogar unabdingbar. Die Optimisten meinen ja, dass am Ende ohnehin alle Werke, die es verdienen, in öffentlichem Besitz landen werden – weltweit. Doch bis es soweit ist, soll die Kulturstiftung der Länder ihr segensreiches Werk tun können und dabei bauen dürfen auf unsere zivile Gesellschaft – verpflichtet dem Gemeinwohl.

Dr. Rose-Maria Gropp

ist Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.